Edmond Dantès: Der Mann hinter der Maske

Hinter der Maske

Edmond Dantès: Der Mann hinter der Maske


In der Reihe „Figurenportraits“ stellen wir euch faszinierende, einzigartige, geliebte und gehasste Figuren aus unseren Lieblingsbüchern vor. Der erste Teil dieser Reihe erzählt von einem Mann, dessen Leben ihn vom Gipfel höchsten Glücks in den Abgrund tiefsten Leides stürzt. Die Rede ist von Edmond Dantès, dem späteren Grafen von Monte Christo, und das hier ist seine Geschichte.

Die glücklichen Jahre


Der junge Seemann Edmond Dantès wirkt wie jemand, den das Schicksal liebt. Es ist das Jahr 1815, Edmond zählt neunzehn Jahre und ist bereits Erster Offizier an Bord der Pharao mit der Aussicht, bald schon zum Kapitän ernannt zu werden. Die Mannschaft gehorcht ihm trotz seiner jungen Jahre aufs Wort, denn er ist erfüllt von Ehrgefühl, mutig, gerecht und gütig gegen seine Mitmenschen. Nur einen gibt es an Bord, der die Begeisterung für seinen jungen Offizier nicht teilt: Das Herz von Danglars, dem Zahlmeister, ist von Eifersucht und Missgunst zerfressen.

In Edmonds Herz finden derartige schlechte Gefühle keinen Platz. Darin findet sich neben einer guten Portion Stolz vor allem zärtliche Liebe. Zwei Menschen gibt es auf der Welt, an denen er mit aller Wärme und Treue hängt: Seinen alten Vater und seine Verlobte, die schöne Katalanin Mercédès. Edmonds ganze Welt dreht sich um die Liebe zu diesen beiden und das Glück, das er ihnen schenken möchte.

Edmond Dantes der Seefahrer
Edmond der Seefahrer

Die Intrige


Der Tag der Liebeshochzeit naht, doch anstatt der glücklichste Tag in Edmonds Leben zu werden, hält er für ihn seine verhängnisvollsten Stunden bereit. Kurz bevor die Trauung stattfinden kann, schmiedet der Zahlmeister Danglars gemeinsam mit zwei anderen Neidern Edmonds eine heimtückische Intrige: Sie klagen Edmond der Zusammenarbeit mit dem verbannten Napoleon an – zur damaligen Zeit ein schwerer Vorwurf. Ein ehrgeizig aufstrebender Staatsanwalt, der nur sein eigenes Interesse im Sinn hat, kommt den Intriganten dabei zufällig zur Hilfe und sorgt dafür, dass Edmond in die Gefängniszellen des Château d’If geworfen wird, in die dunklen Verliese der düsteren Festung vor der Küste Marseilles.

Ohne zu wissen, was er verbrochen haben soll, sieht sich Edmond nun hinter eisernen Gitterstäben und von den beiden Menschen, die er am meisten liebt, unwiderruflich getrennt – ohne, dass die beiden erfahren, wo Edmond steckt.

Hinter Gittern


So kurz davor, all seine Träume erfüllt zu sehen, nur um jetzt gefangen auf der berüchtigtsten Gefängnisinsel Frankreichs zu sitzen, ohne Hoffnung auf Freilassung – das lässt Edmond verzweifeln.

Völlig isoliert durchlebt er verschiedene Stadien des aufkeimenden Wahnsinns, bis er nach mehreren Jahren beschließt, seinem elenden Leben ein Ende zu setzen. Edmond verweigert Wasser und Nahrung, will sterben. Da geschieht ein kleines Wunder: Er trifft auf einen Mitgefangenen, einen alten Abbé, der in der benachbarten Zelle untergebracht ist und sich durch solides Gestein in jahrelanger Arbeit auf der Suche nach einem Fluchtweg einen Gang bis zu Edmonds Verlies gegraben hat. Das Beisammensein mit einem anderen menschlichen Wesen gibt dem jungen Unglücklichen wieder Lebensmut.

Die beiden schließen eine tiefe Freundschaft. Edmond hat Glück gehabt, dass ein hochgebildeter Mann in seine Zelle gebrochen ist, mit einem Gedächtnis, das seinesgleichen sucht, und praktischerweise mit einer großen Liebe zum Lehren. Der Abbé bringt Edmond bei, was er weiß: Mathematik, Philosophie, Geschichte, Chemie, Umgangsformen der feinen Gesellschaft, mehrere Sprachen; kurz alles, was er jemals gelernt und behalten hat.

Edmond hinter Gittern
Hinter Gittern

Neugeburt


Edmond verändert sich durch den Unterricht seines neuen Freundes. Es vergehen viele Jahre hinter den Mauern des Château d’If, in denen der junge Gefangene unter der Obhut des Abbés zu einem Mann von vollendeter Bildung heranreift.

Vor allem zwei Lektionen des Abbés ändern sein Leben für immer. Die erste ist die Aufschlüsselung des Grundes, aus dem Edmond seit Jahren im Château d‘If gefangen ist. Der kluge Abbé rekonstruiert die Situation vor Edmonds Gefangennahme aus dessen Erzählungen und präsentiert seinem jungen Freund eine Erklärung, die den tatsächlichen Vorgängen der geschehenen Intrige genau entspricht.

Edmond ist bestürzt; so viel Schlechtigkeit soll in den Menschen sein? Diese Erkenntnis bricht etwas in ihm. Seine Unschuld verschwindet mit dem unbedingten Glauben an das Gute in den Menschen, seine Naivität macht dem Wunsch nach Rache Platz.

Seine zweite unvergessliche Lektion betrifft einen sagenhaften Schatz, von dem der Abbé berichtet und der auf der verlassenen und kargen Insel Monte Christo in unterirdischen Grotten verborgen sein soll. Edmond prägt sich den Ort genau ein, denn er weiß: Sollte es diesen Schatz geben und sollte er ihn finden, dann wird er ihm den Weg seiner Rache ebnen.

Freiheit


Nach vierzehn Jahren der Gefangenschaft und nach dem Tode des Abbé durch eine Erbkrankheit gelingt das Unmögliche: Edmond entkommt. Bei der ersten Gelegenheit macht er sich auf die Suche nach dem mysteriösen Schatz und findet ihn tatsächlich in den Grotten der Insel Monte Christo. Schlagartig ist er einer der reichsten Männer der Welt.

Es beginnt es neues Leben für Edmond. War er zuvor ein armer Seemann und Gefangener, trägt er nun die edelsten Stoffe und den kostbarsten Schmuck, kämpft mit den tödlichsten Waffen, bewohnt die luxuriösesten Paläste, reist durch die gesamte Welt. Grenzen, Justiz und Gesetze bedeuten ihm nichts; mit seiner Eleganz und Klugheit gewinnt er die Menschen, oder er kauft sie.

All dieser Prunk bedeutet ihm jedoch wenig. Liebe und Güte scheinen in ihm verschüttet. Die zwei Menschen, die ihm das meiste auf der Welt bedeutet haben, sind für ihn verloren: Sein Vater starb vor Gram während der langen Jahre seiner Gefangenschaft und Mercédès wurde an der Seite von Edmonds einstigem Nebenbuhler zu einer vornehmen Dame.

Der Schatz von Monte Christo
Prunk und Reichtum in Freiheit

Der Graf von Monte Christo


Die Gedanken Edmonds kreisen nur noch um Rache, aber in all den Jahren im Gefängnis hat er Geduld gelernt. Er wartet ab und schmiedet seine Pläne im Verborgenen. Edmond ist grausam geworden. Nur noch selten blitzt Güte in ihm auf: Die Menschen, die gut zu ihm waren und sind, die belohnt er mit Freigiebigkeit. Mit dem Rest jedoch spielt er wie ein Puppenmeister.

Menschenverachtung und Misstrauen haben sich tief in ihm eingegraben. Menschenscheu geworden, sehnt er sich oft nach Einsamkeit und findet diese in den Grotten der Insel von Monte Cristo, die er nach dem Vorbild einer orientalischen Wunderkammer umgestaltet. Dabei unterhält er Verbindungen zu allen möglichen Schmuggler- und Verbrecherbanden, tanzt der Justiz auf der Nase herum. Was für ihn einst Moral und Werte hießen, ist bedeutungslos geworden.

Mühelos bewegt Edmond sich in der besten Gesellschaft und verschleiert seine Herkunft; er nennt sich Graf von Monte Christo nach der Insel, die ihn reich machte. Seine Exzentrik trägt nur zu seinem mystischen Ruf und zur Bewunderung gegenüber seiner gerüchteumrankten Person bei. Beides nutzt er, um jenen nahe zu kommen, die ihm einst das so große Unrecht angetan haben und die Schlinge seiner rächenden Pläne immer enger zu ziehen.

Dabei ist Edmond selbstherrlich geworden; die Rache, die er durchführt und die an Grausamkeit der Verschwörung, die einst gegen ihn gerichtet war, in nichts nachsteht, hinterfragt er nicht. Größenwahnsinnig und von erbarmungsloser Kälte sieht er sich als personifizierte Strafe Gottes, als Gerechtigkeitsengel. Dabei merkt der Leser, dass seine Rache ihn immer verbitterter werden lässt. Das Glück kennt er nur noch im Umgang mit wenigen Menschen, die ihm etwas bedeuten und deren gutes Herz er anerkennt.

Die Einsicht


Edmonds Racheplan ist grausam, er ist genial und er ist erfolgreich. Er stürzt diejenigen, die ihm damals Unrecht antaten, in den Tod, ins Verderben oder in den Wahnsinn.

Eine Sache jedoch hat er dabei nicht bedacht: Die Männer, an denen Rache zu üben sein Lebensziel geworden ist, stehen nicht allein in der Welt, sondern werden von Personen umgeben und geliebt, die ebenso unschuldig sind wie es einst Edmond selbst war. Der Rächer begreift, dass sein Plan diese Unschuldigen nicht verschont und erkennt: Ein neues Unrecht kann das alte nicht ausgleichen.

Als Edmond zu dieser Erkenntnis gelangt, ist ein Großteil seiner Rache bereits vollzogen. Neben der lang erwarteten Befriedigung jedoch fühlt er zumindest kurzzeitig Reue. Er verzichtet darauf, seinen perfiden Plan zu Ende zu führen, und gesteht sich ein, dass er zu weit gegangen ist.

Die Stimmung am Ende der Geschichte ist nachdenklich und melancholisch, aber versöhnlicher als in all der Zeit, seitdem Edmond dem Gefängnis entronnen ist. Ein Happy End wartet nicht auf den Leser, aber das wäre nach allem, was Edmond erlitten und begangen hat, auch nicht glaubwürdig. Immerhin gibt es einen Hoffnungsschimmer: Der Graf von Monte Christo hat unter seinen Untergebenen Menschen gefunden, an deren Wahrheitsliebe und Ergebenheit er glaubt und die ihm den Glauben an das Gute in zumindest einiges Menschen zurückgeben.

Die Tragik des Schicksals
Die Tragik des Schicksals

Das wahrhaft Tragische an der Geschichte des Grafen von Monte Christo war für mich immer die Vorstellung, was aus Edmond hätte werden können, wäre sein Leben anders verlaufen und wäre die Intrige nicht gelungen, hätte er nicht die Einsamkeit und Verzweiflung im Gefängnis und dadurch die Rache kennengelernt. Natürlich, er wäre weniger groß, weniger bedeutend und beeindruckend geworden, vielleicht auch nicht der Held dieser Geschichte. Aber wahrscheinlich wäre er glücklicher geworden.

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