Somerset Maugham

Somerset Maugham

Somerset Maugham

Autorenvorstellung Runde 1: William Somerset Maugham

1907


Der Kalender spricht das Jahr 1907. Ein leichter Regennebel liegt über der Stadt London. Das gedämpfte Wetter passt zu Othos Laune. Otho Stuart, Manager am Royal Court Theatre, rennt seit Tagen mit zusammengezogenen Brauen durch die Gegend und seine Mitarbeiter senken die Stimme, wenn er den Raum betritt. Der Grund – das letzte Stück lief gar nicht gut. Die Ränge blieben leer, das Geld blieb aus. Otho musste es absetzen. An diesem Tag, Otho in seinem Büro, die Brauen immer noch gefurcht, flattert ein Angebot durch das Fenster herein. Ein Stück von einem Schriftsteller, dessen Namen man zwar kennt – der hat doch dieses Buch Liza of Lambeth geschrieben?, denkt sich Otho –, dem aber noch kein großer Erfolg beschieden ist, gerade, was die Bühne angeht.

Das Stück auf Othos Schreibtisch ist eine Komödie über eine gewisse Lady Frederick, eine verschuldete irische Witwe, die sich zwischen verschiedenen Bewerben mit mehr oder weniger ehrenhaften Ambitionen entscheiden muss. Ob das zieht? Und diese eine Stelle im Werk, in dem die Protagonistin unfrisiert und ungeschminkt vor Besuchern erscheinen muss! Welche Schauspielerin, die etwas auf sich hält, würde das denn spielen? Aber etwas Besseres hat Otho im Moment nicht vor sich liegen. Die Brauen ziehen sich noch enger zusammen, Otho trommelt mit den Fingern auf seiner Tischplatte. „Also gut, dann nehmen wir halt das“, knurrt er und schlägt auf den Tisch.

Er wird es nicht bereuen. Der Autor des Stücks heißt William Somerset Maugham, das Schauspiel trägt den Titel Lady Frederick. Es wird ein schlagender Erfolg werden, die Leute werden Otho Stuart die Türen einrennen. Ein Jahr, nachdem Lady Frederick uraufgeführt wurde, werden in London vier Stücke von Somerset Maugham gleichzeitig gespielt werden und er wird sich mit dreiunddreißig Jahren einen Namen gemacht haben als erfolgreichster britischer Theaterautor seiner Zeit. Nicht immer jedoch sah es bei William so rosig aus. Schauen wir ein paar Jahre zurück.


Kein gerader Weg


Paris, Januar 1874, William Somerset Maugham erblickt das Licht der Welt. Seine Eltern jedoch teilen diese Welt nicht für lange Zeit mit ihm. Beide sterben früh, als William noch ein Kind ist und er wächst als Waise auf, unter der Aufsicht seines Onkels. Er hat es nicht leicht, er stottert, ist sehr schüchtern und ist in den Internaten, in denen er viel Zeit verbringt, nicht unbedingt glücklich. Die geschriebene Sprache kommt leichter zu ihm als die gesprochene. Früh weiß William, dass er zum Schreiben gemacht ist. Dennoch wird einiges an Zeit vergehen, bis er von der Feder leben kann.

Trotz seiner Leidenschaft für die Schriftstellerei schließt William ein Medizinstudium ab, um finanziell abgesichert zu sein und arbeitet eine Weile lang sogar als Arzt in einem Londoner Krankenhaus. Das aber ist nicht sein Traum und nicht seine Berufung und diese gibt er nicht auf. Im Alter von dreiundzwanzig Jahren veröffentlicht William sein erstes Werk, Liza of Lambeth. Das damals als schockierend realistisch empfundene Portrait der verarmten Arbeitergesellschaft schlägt ein. William, ermutigt, hängt den Arztberuf an den Nagel und schreibt, endlich schreibt er, aber was er schreibt, das will auf einmal keiner mehr lesen. Nach Liza stockt seine Karriere, der Erfolg, von dem er träumt, bleibt aus. Aufgeben ist aber keine Option mehr. William kommt über die Runden, indem er das Erbe seines verstorbenen Patenonkels aufbraucht. Etwa zehn Jahre lang geht das so, bis Lady Frederick wie ein Komet über die Bühnen der englischen Hauptstadt braust.


Angekommen?


Von da an geht es steil bergauf. William Somerset wird der erfolgreichste britische Bühnenautor seiner Zeit. Um finanzielle Nöte muss er sich keinerlei Gedanken mehr machen, Erfolg und Ruhm sind sein. Etwas aber scheint ihm, dem als scheu und exzentrisch beschriebenen Menschen, zu fehlen. Das Leben in der Theaterwelt, ihre extravaganten Partys, die sich ständig wandelnden Trends, die Pflicht zur Selbstpräsentation, das alles gehört nicht zu Williams Traum. Sieben Jahre nach seinem Durchbruch zieht er sich aus der turbulenten Theaterszene zurück und beginnt, einen Roman zu schreiben: Of Human Bondage, immer noch eines der meistgelesenen Bücher der englischen Literatur. Die Geschichte der jungen Waise Philip, der sich mit einem Klumpfuß durch das Leben schlägt und versucht, sich einen Namen als Künstler zu machen, während er Medizin studiert, trägt stark autobiographische Züge. Philip allerdings, anders als sein Schöpfer, erlangt nie den Erfolg als Maler, auf den er hofft, sondern wird schlussendlich tatsächlich Arzt. Es ist ein Glück für uns, dass Somerset Maugham ihm in diesem Punkt nicht gleicht.


Zwischen den Fronten


Der Kalender ist vorgesprungen und trägt nun die Überschrift 1914. Der Erste Weltkrieg erschüttert die Grundfesten der Welt. William arbeitet für ein Jahr freiwillig als Arzt an der Front, dann geschieht etwas, das so wirkt, als wäre es mitten aus einer seiner Geschichten entsprungen. Der britische Geheimdienst wird auf ihn aufmerksam. Somerset Maugham wird rekrutiert, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Bekanntheit. Mit seinem Beruf trägt er bereits den perfekten Deckmantel: Unter dem Vorwand, ein neues Buch schreiben zu wollen, kann er sich relativ frei bewegen. Das tut er auch, als britischer Geheimagent, zunächst in der Schweiz, dann in Russland. Nach der Februarrevolution wird er nach St. Petersburg beordert, mitten hinein in die Wirren, die dem Untergang des Zarenreiches folgen.

Bis zur Oktoberrevolution bleibt Somerset Maugham in Russland, knüpft Kontakte zu hochrangigen russischen Politikern und liefert wertvolle Berichte über die prekäre Lage zurück in die Heimat. Jene Zeit inspiriert William zu seinen Geschichten um einen gewissen Geheimagenten namens Ashenden: Or, the British Agent. Während die Helden späterer Spionagegeschichten, zum Beispiels Flemings James Bond, die unwahrscheinlichsten Dinge erleben und auch noch überleben, folgt Ashendens Leben mehr dem tatsächlichen Alltag eines Spions. Und dieser kann eben auch mal über Wochen hinweg gähnend ereignislos bleiben, bis eine einzige adrenalinpumpende Situation sich auftut, die über Erfolg oder Misserfolg, Leben oder Tod entscheidet. Weniger das Abfeuern von Pistolen, sondern vielmehr das Manipulieren von Menschen ist Ashendens Stärke. In jener zeigt sich auch Somersets psychologisches Gespür, mit dem er menschlichen Verhalten beobachtet, ergründet und dekonstruiert.

Nicht nur Russland steht auf der Liste von Ländern, die Maugham kennenlernt und in der Folge von den fiktiven Figuren seiner Erzählungen bereisen lässt. Sein Weg führt ihn häufig in die Südsee und nach Fernost und viele seiner Kurzgeschichten handeln von der Zeit der europäischen Kolonialisierung in Indien, Asien und im Pazifik. Der Charakter der Kolonialfigur, der Englishman abroad, wird bei Maugham mit kritischer, häufig ironischer Distanz betrachtet. Er reist sehr viel, aber nicht allein. Meist findet man ihn in Begleitung seines Sekretärs Gerald Haxton, der gleichzeitig sein Liebhaber ist.


Liebe


Gerald Haxton spielt eine wichtige Rolle in Williams Leben. Somerset Maugham wird mal als bisexuell, mal als homosexuell beschrieben. Er unterhält Verhältnisse mit Männern und mit Frauen, lebt aber gegen Ende seines Lebens ausschließlich in homosexuellen Beziehungen. Später im Leben wird er sagen, dass der Versuch, sein homosexuelles Verlangen zu unterdrücken, sein größter Fehler gewesen sei. Unverständlich ist dieser Impuls aber nicht; zu seiner Zeit war die Liebe zwischen Männern nicht nur verpönt, sondern auch strafbar, man denke an Oscar Wilde.

Vielleicht auch aus diesem Grund heiratet er 1917seine Geliebte Syrie Barnardo, eine Innenarchitektin, mit der er auch eine Tochter hat. Angeblich jedoch erklärt er sich erst nach einem angedrohten Selbstmordversuch von Syrie zur Ehe bereit. Die Verbindung der beiden, die auf diese Weise wenig harmonisch startet, leidet auch in der Folge unter Berg- und Talfahrten, was natürlich auch an Gerald Haxton liegt. Haxton trägt einen schlechten Ruf als Taugenichts und Trinker spazieren und ist Syrie als zweiter Partner ihres Ehemanns natürlich ein Dorn im Auge. Schlussendlich wird die Ehe zwischen William und Syrie nach elf Jahren geschieden und Maugham lässt später in seinen Memoiren kaum ein gutes Haar an seiner ehemaligen Frau.


Lebensabend

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Nach der Scheidung zieht es Somerset Maugham an die Côte d’Azur, wo er sich in der Nähe von Nizza eine wunderschöne Villa kauft. Ihre Wände schmückt er mit kostbaren Kunstwerken und ihre Räume füllt er mit Freunden und Berühmtheiten aus aller Welt und setzt sich zeitlebens für junge Autoren ein. Gerald Haxton bleibt bis zu seinem Tod im Jahr 1944 bei Maugham und jener schätzt ihn nicht nur als Partner, sondern weiß auch im den Vorteil eines Gefährten, der sich mit Charme und Leichtigkeit in der Gesellschaft bewegt. Er selbst, beinahe schon menschenscheu, betrachtet Haxton als unabdingbar für seinen schriftstellerischen Erfolg. Dabei geht es ihm nicht nur um vorteilhafte Kontakte, sondern auch um Gelegenheiten, die menschliche Natur zu studieren, deren kritische Betrachtung eine so große Rolle in seinen Werken spielt.

Im Dezember 1965 erkrankt Somerset Maugham schwer an Tuberkulose. Schon früher hatte er gegen diese Krankheit gekämpft und sie besiegt, diesmal aber behält sie die Überhand. Somerset Maugham erliegt der Krankheit und stirbt, seine Asche wird verstreut. Er hinterlässt seinen zweiten Lebenspartner, Alan Searle, eine Tochter, achtundsiebzig Bücher und eine faszinierende Lebensgeschichte.


Wer war William Somerset Maugham?


Somerset Maugham war für mich ein glücklicher Zufallsfund und bleibt eine schöne Erinnerung: In dieser bin ich auf einer Rundreise in Skandinavien unterwegs, nur ich und mein Rucksack, und wandle auf den malerischen Straßen Kopenhagens umher. Dabei stolpere ich ungeplant über ein kleines Antiquariat. Ich bleibe stehen. Man muss wissen, Antiquariate sind offenbar mit einem magischen Bann ausgestattet, der mich dazu zwingt, einzutreten, auch wenn ich weder Geld in der Reisekasse noch Platz im Rucksack habe. Kurze Zeit später verlasse in das Antiquariat wieder, um einen Schatz reicher: Ein kleines, in Rot gebundenes Buch, das ich zwischen all den dänischsprachigen Bücherstapeln erspäht habe. Auf seinem Rücken steht in abgeblätterten Goldlettern: Somerset Maugham. Theatre.

Wieder etwas später sitze ich auf einer Bank, völlig versunken in das Werk eines Autors, den ich bis dahin noch nie gelesen hatte, der sich aber innerhalb kürzester Zeit zu einem meiner federschwingenden Lieblinge mausert. Zugfahrten und Wartezeiten in Museumsschlagen verloren daraufhin blitzartig ihre bedrohliche Langeweile, denn ich hatte ja sein Buch im Gepäck.

„Kein Lesen ist der Mühe wert, wenn es nicht unterhält“, soll ein Zitat von ihm gewesen sein. Somerset Maughams Geschichten sind unterhaltend, sie ziehen sofort in den Bann, die Sprache ist schlicht und schön. Lustige, kritische, auch mal bitter schmeckende Kostproben von der Wirklichkeit entfalten sich zwischen den Seiten, machen Spaß und regen gleichzeitig zum Weiterdenken an.

Die kurze Beschreibung einer Geste, ein knapper Dialog und man fühlt sich, als würden die Figuren warm und atmend vor einem stehen. Selten ohne Ironie, mal mit Sarkasmus und bitterem Realismus charakterisiert Maugham seine Zöglinge aus Tinte. Was das Menschengeschlecht angeht, gibt er sich keinen verklärenden Illusionen hin. Er spiegelt die menschliche Natur wieder, wie sie ist und nicht, wie sie sein soll. Ein Zitat von ihm lautet: „Aufrichtigkeit ist höchstwahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit“ und vielleicht ist es das, was seine Geschichten besonders macht: Aufrichtigkeit, eine aufrichtige und ungeschönte Spiegelung der Welt, wie er sie wahrgenommen hat.

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