Die Trennung in Poly-Beziehungen

Trennung in der Polyamorie

Die Trennung in Poly-Beziehungen

Eine Trennung an sich ist meistens keine schöne Angelegenheit, ob in monogamen oder anderen Beziehungskonstrukten. In polyamoren Beziehungen kommt allerdings eine weitere Komponente hinzu: Bereits bestehende andere Partnerschaften, die unabhängig vom Status der eigenen Beziehung erhalten bleiben. 

Das ist oft ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits kann man sich als Schlussmachende_r darauf verlassen, dass der Mensch, den ich gerade verlassen habe, noch emotionalen Halt findet und jemanden hat, bei dem er aufgefangen wird. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch sehr einfach, sich als verlassene Person mehr als überflüssig zu fühlen, man könnte ja die ganze Zeit nur das fünfte Rad am Wagen gewesen sein.

Und wenn der_die Verlassene keine weitere Beziehung führt?

Besonders intensiv werden solche Gedanken, wenn der schlussmachende Part noch andere Partner_innen hat und der_die Verlassene nach der Trennung wieder als Single unterwegs ist. Wenn eine romantische Beziehung auseinandergeht, ist das zwar für beide Seiten belastend, eine Doppelbelastung entsteht in dem Fall aber dadurch, dass der verlassene Mensch eine wichtige Bezugsperson verliert, sich aber gleichzeitig dessen bewusst ist, dass genau diese verlorene Person emotional (scheinbar!) viel stabiler aus der Trennung rausgeht.

Warum ist das Kopfkino in Poly-Beziehungen so intensiv?

Polybeziehungen leben von Kommunikation und dem Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse, ohne Annahmen über die Bedürfnisse der anderen Person(en) anzustellen (siehe unseren Artikel über Kommunikation in Polybeziehungen). Aus dem Grund erfolgt in polyamoren Konstellationen ohnehin sehr viel Selbstreflexion. Themen wie Eifersucht werden also nicht unmittelbar auf den_die Partner_in bezogen, sondern am Anfang steht die Frage: „Warum bin ich grade eifersüchtig?“, sodass dann auf einmal klar wird, dass vielleicht eine Verlustangst oder Neid auf gemeinsam verbrachte Zeit als Ursprungsfaktoren festgemacht werden können.

Trennungskopfkino?

Bei einer Trennung passiert also tendenziell ähnliches. Ich frage mich, warum es mir grade geht, wie es mir geht; was ich grade brauche oder besser machen könnte. Und der gedankliche Sprung zu „Der andere Partner ist eben wichtiger/besser/attraktiver für meine_n Ex“ liegt da nicht fern. Wo sich der klassische (monogame) Romantic-Comedy-Charakter aus Film und Fernsehen vielleicht fragt „Hatte sie einen anderen?“ habe ich mich nach Trennungen gefragt „Was sie jetzt wohl über mich reden? Warum bin ich so viel schlechter als der andere Partner?“. Ich habe also ein Ranking in eine Beziehung gebaut, wo vielleicht gar keins war.
Eine fiese Gedankenspirale.

Sind weitere Beziehungen ein großer Faktor für die Trennung?

Nur für den Kopf. Auch wenn ich mehrere Beziehungen führe, bedeutet das nicht, dass irgendeine davon austauschbar wäre. Polyamore Beziehungen stehen im Normalfall auf demselben Level und wenn ich eine_n meiner Partner_innen verliere, verliere ich ganz spezifische Charaktereigenschaften, die ich in einer anderen Person nicht unbedingt wiederfinden kann. Das macht Polyamorie so bereichernd: Immer neue Erfahrungen, fehlende bzw. nur langsam entstehende Routinen, ein neues Einspielen mit jedem_r Partner_in. Aus dem Grund trifft einen das Ende einer romantischen Beziehung auch als polyamourös lebender Mensch sehr hart: Ich verliere nicht eine_n von vielen, ich verliere den_die eine_n, der_die mir wichtig war.

Können andere Partner mir bei einer Trennung Trost spenden?

Das Vorhandensein anderer Beziehungen bietet dabei nur bedingt Trost. Natürlich hilft es, wenn ich mich bei einem_r langjährigen Partner_in ausheulen kann, es nimmt mir aber nicht den Trennungsschmerz, denn ich habe ja nicht dieselbe Person und ihre Eigenschaften viermal im Schrank, ich verliere ein Individuum. Und daran angelehnt wird auch klar, dass das oben beschriebene Gedankenkarussell des verlassenen Menschen ein rein psychologischer Faktor ist.

Polyamorie, die Trennung und das Selbstbewusstsein

Denn der Gedanke, dass ich eine so viel schlechtere Partnerin sein muss als der_die andere, liegt bei mir. Die Unterstellung, dass mein_e Ex-Partnerin mich für weniger begehrenswert hält, liegt bei mir. Die Vorstellung, dass die beiden anderen jetzt tratschend am Küchentisch sitzen und über meine Schwächen herziehen, liegt bei mir.
Und daran arbeiten zu können, ist – egal wie viele Partner_innen man hat – extrem wichtig. Weil das nichts mit Polyamorie zu tun hat, sondern ganz viel mit der Arbeit an den eigenen Gefühlen.

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